Der böse Blick auf Nordzypern: Warum blaue Augen an Häusern, Autos und sogar in Mauern hängen
Wer durch die Straßen Nordzyperns spaziert und aufmerksam die Umgebung betrachtet, wird früher oder später auf ein ungewöhnliches Symbol stoßen – ein kleines blaues Auge. Es hängt über den Türen von Häusern, schmückt Geschäfte und Restaurants, findet sich in Autos, an Armbändern und Halsketten und ist manchmal sogar direkt in die Mauern und Bögen alter Gebäude eingelassen.
Dieses Amulett heißt Nazar Boncuğu – wörtlich „Nazar-Perle“. In der türkischen und türkisch-zyprischen Tradition wird ihm die Fähigkeit zugeschrieben, Menschen, Häuser oder Besitz vor dem sogenannten „bösen Blick“ – nazar – zu schützen.

Heute ist das blaue Auge zugleich Teil der Volkskultur, Schmuck und ein beliebtes Souvenir. Hinter diesem einfachen Symbol verbirgt sich jedoch eine weitaus ältere Vorstellung – der Glaube daran, dass der Blick eines Menschen einem anderen Unglück bringen kann.
Was ist der „böse Blick“?
Die Vorstellung vom bösen Blick ist in vielen Kulturen des Mittelmeerraums, des Nahen Ostens und anderer Regionen verbreitet. In traditionellen Glaubensvorstellungen galt ein bestimmter Blick als mögliche Ursache für Krankheit, Pech oder anderes Unglück.
Dabei musste der Blick nicht unbedingt von einem Menschen stammen, der offene Abneigung empfand.
Nach der von Visit North Cyprus beschriebenen Tradition konnten Hass, Neid und sogar übermäßige Bewunderung als Ursache des bösen Blicks gelten. Einem Menschen konnte also auch unbeabsichtigt Schaden zugefügt werden.
So entstand die Idee eines besonderen Schutzsymbols – eines Auges, das einem anderen Auge entgegenwirken sollte.
Warum sieht das Amulett ausgerechnet wie ein Auge aus?
Nazar Boncuğu ist eine Glasperle mit konzentrischen farbigen Kreisen, die an ein menschliches Auge erinnern.
Im traditionellen Weltbild ist sie eine Art Schutzamulett. Ihre Bedeutung liegt nicht darin, dass Glas nachweislich übernatürliche Eigenschaften besitzt, sondern im Volksglauben, wonach ein solches Symbol den bösen Blick abwehren oder neutralisieren kann.

Die UNESCO beschreibt Nazar Boncuğu als handgefertigte Glasperle in Augenform, die in der Türkei ausdrücklich als Schutz vor dem „bösen Blick“ verwendet wird. Die Amulette können als Schmuck oder als dekorative Elemente dienen.
Warum ist es blau?
Die bekannteste Variante der Nazar-Perle ist ein blaues Auge mit einem weißen und schwarzen Zentrum. Traditionelle Perlen sind jedoch nicht auf diese Farben beschränkt.
In den UNESCO-Unterlagen zur Tradition des Nazar Boncuğu werden auch weiße, gelbe, blaue, grüne, braune, rote und weitere Glasfarbtöne aufgeführt. Entscheidend ist das charakteristische Muster, das an ein Auge erinnert.
Moderne Souvenirvarianten können ganz unterschiedlich aussehen – von kleinen, einfachen Perlen bis hin zu großen dekorativen Tafeln.
Es ist nicht nur ein Souvenir
Heute kann man Nazar-Amulette praktisch in jedem touristischen Viertel Nordzyperns kaufen. Ihre Verwendung beschränkt sich jedoch keineswegs auf den Souvenirhandel.
Visit North Cyprus weist darauf hin, dass blaue Perlen in Häusern, Autos, Geschäften und Restaurants sowie an Schmuckstücken zu sehen sind. Besonders ungewöhnlich wirken die Fälle, in denen ein kleines Auge direkt in Mauern oder Bögen eingelassen ist.
Bei einem Spaziergang durch die alten Viertel von Kyrenia, Famagusta oder Nikosia lohnt es sich daher, auf die Details der Fassaden zu achten. Manchmal ist ein kleiner blauer Kreis zwischen dem Mauerwerk kein zufälliges Dekorationselement, sondern Teil einer traditionellen Vorstellung vom Schutz des Hauses.
Wovor soll Nazar schützen?
Nach traditioneller Vorstellung soll das Amulett vor nazar – dem bösen Blick – und damit vor den damit verbundenen Problemen wie Pech und Krankheiten schützen. Genau so beschreibt Visit North Cyprus diese Tradition.
Dabei ist es wichtig, zwischen kultureller Tradition und wissenschaftlicher Erklärung zu unterscheiden.
Es gibt keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass eine Glasperle negative Energie physisch reflektieren, Krankheiten verhindern oder auf irgendeine andere übernatürliche Weise Ereignisse beeinflussen kann.
Ihre Bedeutung ist vor allem kultureller und symbolischer Natur.
Wo entstand dieser Brauch?
Hier beginnt der interessanteste Teil der Geschichte.
Die Vorstellung vom „bösen Blick“ kann nicht ausschließlich als türkisch oder zyprisch angesehen werden. Ähnliche Glaubensvorstellungen gab es in verschiedenen Kulturen des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens.
Nazar Boncuğu in seiner heutigen Form ist dagegen besonders eng mit der türkischen Kultur und dem traditionellen Glasbläserhandwerk verbunden.
Das türkische Kulturportal weist darauf hin, dass sich die Herstellung solcher Perlen traditionell unter anderem in der Region Izmir entwickelte. In den Dörfern Görece und Nazarköy wird die traditionelle Herstellung von Glas-Nazar-Amuletten bis heute fortgeführt.
Daher wäre es richtiger, nicht davon zu sprechen, dass das „blaue Auge vor Tausenden von Jahren auf Nordzypern entstand“, sondern von einer umfassenderen alten Tradition des Glaubens an den bösen Blick, die sich in ihrer modernen Form als Nazar-Perle besonders stark in der türkischen Kultur entwickelte.
Wie wird ein echtes Nazar Boncuğu hergestellt?
Ein traditionelles Nazar-Amulett ist nicht einfach nur ein gefärbtes Stück Glas.
Die UNESCO beschreibt das Handwerk als Arbeit mit geschmolzenem Glas, das in Öfen erhitzt und mithilfe von Metallwerkzeugen geformt wird. Anschließend trägt der Meister Glasschichten in verschiedenen Farben auf und erzeugt so das charakteristische Augenmuster.
Deshalb gilt die Herstellung von Nazar-Amuletten als eigenständiges traditionelles Handwerk.
Dabei wird diese Tradition vom Meister an den Lehrling weitergegeben. Die UNESCO weist darauf hin, dass die traditionelle Herstellung besonders eng mit der Westtürkei verbunden ist.
Stimmt es, dass Nazar in die UNESCO-Liste aufgenommen wurde?
Hier gibt es einen wichtigen Unterschied.
Manchmal findet sich die Behauptung, Nazar Boncuğu sei immaterielles Kulturerbe der UNESCO. Das ist nicht korrekt.
Die Türkei reichte tatsächlich einen Antrag auf Aufnahme von „Craftsmanship, practices and beliefs of Nazar Boncuğu charms“ in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit ein. Die UNESCO weist jedoch darauf hin, dass der antragstellende Staat den Antrag zurückgezogen hat.
Daher kann heute nicht behauptet werden, dass die Nazar-Perle offiziell in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde.
Die Tradition selbst ist von der UNESCO jedoch als kulturelles und handwerkliches Erbe der Türkei ausführlich dokumentiert.
Warum ist Nazar in Nordzypern so beliebt?
Nordzypern lag historisch am Schnittpunkt verschiedener Kulturen des Mittelmeerraums. Die moderne Kultur der türkischen Zyprer umfasst zahlreiche Traditionen, die mit der türkischen und der weiteren ostmediterranen Kulturregion verbunden sind.
Deshalb ist Nazar hier zu einem vertrauten Bestandteil des Alltags geworden.
Man kann ihn sehen:
- über dem Eingang eines Hauses;
- in Autos;
- in Geschäften und Restaurants;
- an Schmuckstücken;
- neben Einrichtungsgegenständen;
- an dekorativen Elementen von Gebäuden;
- als touristisches Souvenir.

So ergibt sich ein interessantes Paradox: Ein und derselbe Gegenstand kann zugleich ein familiärer Schutzbringer, Teil der Einrichtung und gewöhnliches touristisches Souvenir sein.
Was bedeutet ein zerbrochenes Auge?
In der modernen Volkskultur findet sich die Vorstellung, dass ein zerbrochenes Nazar-Amulett angeblich den bösen Blick auf sich genommen und seine Funktion erfüllt habe.
Es handelt sich dabei jedoch um einen Aberglauben und nicht um eine historisch belegte Tatsache.
Daher kann nicht behauptet werden, dass ein zerbrochenes Amulett tatsächlich negative Energie „aufgesogen“ hat. Diese Erklärung zeigt jedoch gut, wie tief das Symbol in der Volkskultur verwurzelt ist.
Warum hat sich die Tradition im 21. Jahrhundert erhalten?
Genau das macht Nazar wohl besonders interessant.
Heute leben die Menschen in modernen Häusern, fahren Autos, nutzen Smartphones und arbeiten in der digitalen Wirtschaft. Dennoch kann über der Tür eines neuen Hauses noch immer ein kleines blaues Auge hängen.
Für den einen Menschen kann es ein echter Schutzbringer sein.
Für den anderen ist es eine Familientradition.
Für einen Dritten ein schönes Dekorationselement.
Und für einen Touristen ein ungewöhnliches Souvenir.
All diese Bedeutungen können gleichzeitig bestehen.
Ein kleines Symbol mit großer Geschichte
Das blaue Auge Nordzyperns ist ein gutes Beispiel dafür, wie alte Vorstellungen mit dem Aufkommen moderner Wissenschaft und Technologien nicht verschwinden.
Gebäude, Autos, Kleidung und Lebensweise verändern sich, doch das Symbol bleibt.
Es erinnert an die alte menschliche Angst vor Neid und Missgunst – und zugleich an den Wunsch, das eigene Zuhause, die Familie und das Wohlergehen zu schützen.
Wenn Sie also das nächste Mal ein kleines blaues Auge an der Tür eines Hauses in Kyrenia, an der Wand eines alten Gebäudes in Famagusta oder in einem örtlichen Geschäft sehen, sollten Sie es nicht einfach als touristischen Nippes betrachten.
Dahinter steht eine ganze kulturelle Tradition – der Glaube an die Kraft des Blicks und der Wunsch, sich vor etwas zu schützen, das der Mensch nicht kontrollieren kann.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ein kleines Glasauge längst zu einem der bekanntesten visuellen Symbole des östlichen Mittelmeerraums geworden ist.
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