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Türkei bestraft Ärzte wegen hoher Kaiserschnittrate

27.07.2026 / 15:11
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In der Türkei entwickelt sich einer der schärfsten medizinischen Konflikte der vergangenen Jahre. Das Gesundheitsministerium des Landes hat Disziplinarmaßnahmen gegen Gynäkologen und Geburtshelfer eingeleitet, deren Kaiserschnittrate über den festgelegten Richtwerten lag. Nach Angaben türkischer Medien und internationaler Nachrichtenagenturen sind bereits mehr als 100 Fachkräfte betroffen, die Prüfungen dauern an.

Auslöser der öffentlichen Debatte ist der Fall von sechs Gynäkologen und Geburtshelfern, gegen die Disziplinarmaßnahmen verhängt wurden. Je nach Einzelfall erhielten die Ärzte Verwarnungen, wurden vorübergehend von ihrer Tätigkeit suspendiert oder zu verpflichtenden Fortbildungen geschickt. Während der Sanktionszeit verloren sie zudem einen Teil ihres Gehalts und ihrer beruflichen Rechte. Gleichzeitig prüft das Gesundheitsministerium die Fälle von mehr als hundert weiteren Fachkräften im ganzen Land.

Warum die Behörden die Kampagne gestartet haben

Der Grund für die strengen Maßnahmen ist die rekordhohe Kaiserschnittrate in der Türkei. Nach den zuletzt verfügbaren OECD-Daten für 2023 wurden rund 61,5 % aller Kinder im Land per Kaiserschnitt geboren — der höchste Wert unter den OECD-Staaten.

Die Regierung von Recep Tayyip Erdoğan versucht bereits seit mehreren Jahren, die Zahl der Eingriffe ohne strenge medizinische Indikation zu reduzieren. Die Kampagne ist Teil einer umfassenderen demografischen Politik, die auf eine Steigerung der Geburtenrate abzielt. Bereits 2025 verbot die Türkei in mehreren privaten medizinischen Einrichtungen geplante Kaiserschnitte ohne medizinische Indikation.

Warum die Ärzte dagegen sind

Die Türkische Ärztevereinigung hat den Ansatz der Behörden scharf kritisiert. Nach Ansicht ihrer Vertreter ist das Problem nicht individueller, sondern systemischer Natur.

Die Mediziner verweisen auf mehrere Faktoren:

Überlastung der geburtshilflichen Abteilungen;

Personalmangel;

zu wenig Zeit für eine längere Beobachtung bei natürlichen Geburten;

ein hohes Risiko von Klagen bei Komplikationen während vaginaler Geburten;

organisatorische Besonderheiten des Klinikbetriebs.

Nach Ansicht der Ärzte wird die Bestrafung einzelner Fachkräfte die Ursachen der hohen Kaiserschnittrate nicht beseitigen, sondern den Druck auf Geburtshelfer lediglich verstärken.

Mögliche Risiken für Patientinnen

Gerade dieser Aspekt sorgt in der Fachwelt für die größte Besorgnis.

Experten warnen, dass ein Arzt in klinischen Grenzsituationen die Entscheidung für einen Kaiserschnitt möglicherweise länger hinauszögern könnte, wenn er eine Disziplinarstrafe wegen eines „zu hohen Prozentsatzes“ an Eingriffen befürchtet. In der Geburtshilfe können solche Verzögerungen zu schweren Komplikationen sowohl für die Mutter als auch für das Kind führen.

Auch der Verband der Frauenorganisationen der Türkei wandte sich gegen administrative Eingriffe in die Wahl der Geburtsmethode. Die Organisation ist der Ansicht, dass die Entscheidung ausschließlich auf Grundlage der medizinischen Indikation, des Zustands der Frau und der fachlichen Einschätzung des behandelnden Arztes getroffen werden sollte, nicht anhand statistischer Kennzahlen oder staatlicher Vorgaben.

Experteneinschätzung

Das Ziel, nicht medizinisch gerechtfertigte Kaiserschnitte zu reduzieren, entspricht grundsätzlich den Empfehlungen internationaler medizinischer Organisationen. Die meisten Fachleute betonen jedoch, dass eine Verringerung der Zahl der Eingriffe nicht durch die Bestrafung von Ärzten erreicht werden sollte, sondern durch eine bessere Schwangerschaftsvorsorge, eine höhere Qualität der Betreuung bei natürlichen Geburten, eine Aufstockung des medizinischen Personals und eine bessere Information werdender Mütter.

Deshalb wird das Geschehen in der Türkei bereits nicht mehr nur als Reform der Geburtshilfe bezeichnet, sondern als ernsthafte Belastungsprobe für das Gleichgewicht zwischen staatlicher Bevölkerungspolitik, der beruflichen Unabhängigkeit von Ärzten und dem Recht von Frauen auf eine sichere medizinische Entscheidung.

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