Die letzte Triere: Wie ein Kriegsschiff des antiken Griechenlands nach 2500 Jahren in den Dienst der NATO gelangte
Wenn von NATO-Kriegsschiffen die Rede ist, denkt man gewöhnlich an Atom-U-Boote, Flugzeugträger, mit Marschflugkörpern bestückte Zerstörer und modernste unbemannte Systeme. Doch nur wenige wissen, dass in der Flotte eines Bündnispartners bis heute offiziell ein Schiff geführt wird, das nach Technologien des 5. Jahrhunderts v. Chr. gebaut wurde.

Das ist weder ein Museumsmodell noch eine Kulisse für einen Historienfilm. Das ist die «Olympia» (HS Olympias) — eine exakte Rekonstruktion einer altgriechischen Triere, die offiziell in die Streitkräfte der griechischen Marine aufgenommen ist. Im Grunde ist sie das einzige Ruderkriegsschiff antiker Bauart, das weltweit noch immer als aktive Einheit einer modernen Flotte gilt.
Die Geschichte der «Olympia» ist nicht nur die Erzählung von einem außergewöhnlichen Schiff. Sie ist ein Beispiel dafür, wie ein archäologisches Experiment Historiker dazu zwang, ihre Vorstellungen von der Kriegsführung der Antike zu überdenken.
Eine Seewaffe, die den Lauf der Geschichte veränderte
Um die Bedeutung der «Olympia» zu verstehen, muss man fast zweieinhalbtausend Jahre zurückgehen.

Im 5. Jahrhundert v. Chr. galt die Triere als Höhepunkt militärischer Ingenieurskunst. Sie war das schnellste und gefährlichste Schiff ihrer Zeit. Genau solche Schiffe machten Athen zur größten Seemacht des Mittelmeers und ermöglichten es den Griechen, die gewaltige Flotte des Perserreichs in der Schlacht bei Salamis im Jahr 480 v. Chr. zu besiegen.
Historiker bezeichnen diese Schlacht oft als eine der wichtigsten in der Weltgeschichte. Hätte der persische König Xerxes gesiegt, hätte sich die weitere Entwicklung der europäischen Zivilisation völlig anders gestalten können.
Die Hauptwaffe der Triere waren weder Bogenschützen noch Soldaten an Deck. Entscheidend waren Geschwindigkeit, Manövrierfähigkeit und der bronzene Rammsporn am Bug des Schiffes. Mit Tempo stieß das Schiff buchstäblich in den Rumpf des Gegners, der daraufhin schnell die Kontrolle verlor oder ganz unterging.

Ein Experiment, das die gesamte Wissenschaftswelt überraschte
Trotz zahlreicher Abbildungen und Beschreibungen antiker Autoren zweifelten noch vor einigen Jahrzehnten viele Wissenschaftler daran, dass solche Schiffe überhaupt existiert haben könnten.
Der Hauptgrund war ihre unglaublich komplexe Konstruktion. Auf einem Schiff von weniger als 37 Metern Länge mussten 170 Ruderer untergebracht werden, die in drei Reihen saßen. Viele Ingenieure hielten ein solches Schiff für zwangsläufig zu schwer, zu instabil und schlicht nicht in der Lage, hohe Geschwindigkeiten zu erreichen.
Um den Streit endgültig zu entscheiden, schlugen der britische Historiker John Morrison und der Schiffbauer John Coates vor, eine echte Triere zu bauen.
Das Projekt wurde von der griechischen Marine und dem britischen Schriftsteller und Mäzen Frank Welsh unterstützt. 1987 lief in einer griechischen Werft die «Olympia» vom Stapel — eine möglichst genaue Rekonstruktion des antiken Schiffs.
Fast so gebaut wie vor 2500 Jahren
Die Erbauer wollten die Techniken der antiken Meister in jeder Hinsicht nachbilden.

Der 36,9 Meter lange Rumpf wurde aus Holz zusammengesetzt, wobei das antike System aus Holzdübeln und Zapfen verwendet wurde. Beim Bau kamen rund 20.000 Eichendübel zum Einsatz — praktisch ohne Metallbefestigungen.
An den Bug wurde ein massiver bronzener Rammsporn montiert, und die einzige nennenswerte Abweichung von den antiken Techniken waren moderne Stahlseile, die die alten Taue ersetzten.
Noch heute bezeichnen Fachleute diese Konstruktion als ein wahres ingenieurtechnisches Meisterwerk ihrer Zeit.
Die Tests bewiesen: Antike Historiker übertrieben nicht
Nach Abschluss des Baus kam der wichtigste Moment.
Bei den Tests nahm eine Besatzung von 170 Freiwilligen an den Rudern Platz, genau wie einst die alten Athener vor mehr als zweitausend Jahren.
Die Ergebnisse waren selbst für die Forscher überraschend.

Die «Olympia» erreichte eine Geschwindigkeit von etwa neun Knoten — rund 17 km/h. Für ein vollständig gerudertes Schiff ist das ein herausragender Wert. Noch stärker beeindruckte die Experten die Manövrierfähigkeit: Die Triere vollführte eine 180-Grad-Wende in etwa einer Minute und legte dabei einen Bogen von nur zweieinhalb eigenen Schiffslängen zurück.
Damit wurden die Berichte antiker Historiker bestätigt, die lange Zeit als Übertreibung galten.
Laut dem Konstrukteur John Coates ähnelte die Triere nicht einem alten Boot, sondern eher einem modernen Jet — einer möglichst leichten, schnellen und sehr besatzungsintensiven Kampfmaschine.
Fast zweihundert Menschen mussten wie ein einziger Mechanismus arbeiten
Die gesamte Besatzung einer antiken Triere umfasste etwa 200 Menschen.
170 Ruderer waren in drei Ebenen aufgeteilt und mussten absolut synchron handeln. Jeder Fehler verringerte sofort die Geschwindigkeit und konnte den Angriff zunichtemachen.
Daneben befanden sich an Bord Offiziere, Steuermänner, Matrosen, mehrere Bogenschützen und schwer bewaffnete Hopliten. Nach dem Rammstoß gingen gerade sie an Bord des beschädigten gegnerischen Schiffes und beendeten den Kampf.
Nach Berechnungen von Historikern konnten originale Trieren im Angriff über 16 Knoten — etwa 30 km/h — erreichen. Die moderne Rekonstruktion war etwas schwerer als das antike Original und konnte diese Geschwindigkeiten daher nicht erreichen, bestätigte jedoch die Funktionsfähigkeit der Konstruktion voll und ganz.
Vom antiken Flottenverband ins 21. Jahrhundert
Nach Abschluss des wissenschaftlichen Programms wurde die «Olympia» nicht außer Dienst gestellt.
Im Jahr 2004 transportierte gerade diese Triere das olympische Feuer während der Vorbereitungen auf die Olympischen Spiele in Athen und verband die moderne Griechenland symbolisch mit seiner antiken Vergangenheit.
Später nahm das Schiff mehrfach an internationalen Veranstaltungen teil. 2018 fuhr die «Olympia» auf der Themse neben dem legendären britischen Kreuzer HMS Belfast. Der Kontrast wirkte fast surreal: Neben einander befanden sich Schiffe, die durch mehr als zweitausend Jahre Entwicklung der Militärtechnik getrennt waren.
Heute befindet sich die Triere in der Ausstellung des Marinemuseums in Paleo Faliro, wird jedoch offiziell weiterhin in den Reihen der griechischen Marine geführt.
So wurde das antike Schiff, einst Symbol der Macht Athens, zu einem einzigartigen Denkmal der Weltgeschichte und zur einzigen antiken Kampftiriere, die auch 2500 Jahre später formal noch im Dienst einer modernen Marine steht.
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