Experten: Eine separate Persönlichkeit für die Arbeit hilft, schneller die Karriereleiter hinaufzusteigen
Der Rat „Sei du selbst“ ist längst zu einem der wichtigsten Grundsätze der modernen Unternehmenskultur geworden. Doch die frühere Agentin des US Secret Service Evy Poumpouras ist der Ansicht, dass gerade diese Idee die effektive Zusammenarbeit von Teams behindern und die Produktivität senken kann.
In einem Interview mit dem beliebten Podcast Diary of a CEO erklärte Poumpouras, dass Mitarbeiter zur Arbeit nicht ihr „authentisches Ich“ mitbringen sollten, sondern eine professionelle Version ihrer selbst – respektvoll, kompetent und auf ein gemeinsames Ziel ausgerichtet. Ihrer Meinung nach führt ein übermäßiger Fokus auf Selbstausdruck dazu, dass Menschen beginnen, ihre eigenen Emotionen und Ansichten über die Interessen des Teams zu stellen.
Vom Präsidentenschutz zur Unternehmenspsychologie
Poumpouras’ Worte erregten nicht nur wegen ihrer Schärfe Aufmerksamkeit, sondern auch dank ihrer beruflichen Erfahrung. Sie diente mehr als zehn Jahre beim US Secret Service, arbeitete als Polygraph-Expertin und Ermittlerin und war zudem am Schutz der US-Präsidenten beteiligt, darunter Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama. Heute tritt sie als Expertin für Sicherheit, Führung und Kommunikation auf.
Als Beispiel erinnerte sich Poumpouras an eine der Vernehmungen, die sie während ihres Dienstes durchführte. Ihren Worten zufolge hätte sie, wenn sie aus ihren echten Emotionen heraus gehandelt hätte, ihrem Ärger freien Lauf gelassen. Um jedoch Informationen zu erhalten und ein Ergebnis zu erzielen, musste sie ihre Gefühle vollständig kontrollieren und professionell bleiben. Genau diese Erfahrung prägte ihre Überzeugung, dass Effektivität emotionale Disziplin erfordert.
„Authentizität“ gegen Teamarbeit
Nach Ansicht der ehemaligen Agentin wird das moderne Verständnis von Authentizität immer häufiger auf das Prinzip „Schaut mich an“ reduziert, während der Erfolg jeder Organisation von der Fähigkeit der Mitarbeiter abhängt, für eine gemeinsame Mission zu arbeiten.
Sie behauptet, dass es zu Chaos und einer Verwässerung des gemeinsamen Ziels führt, wenn jeder beginnt, seine Probleme, Überzeugungen und emotionalen Reaktionen ungefiltert in das Kollektiv einzubringen. Infolgedessen erhält die Organisation kein Team von Fachleuten, sondern eine Ansammlung von Menschen, die nach ihren eigenen Regeln handeln.
Poumpouras ist der Ansicht, dass ein hohes Maß an Teameffektivität dann erreicht wird, wenn Mitarbeiter in der Lage sind, persönliche Vorlieben vorübergehend zugunsten des Ergebnisses in den Hintergrund zu stellen.
Doch die Wissenschaft zögert, zuzustimmen
Trotz der Popularität solcher Ansichten unter einigen Führungskräften zeichnen Studien der vergangenen Jahre ein komplexeres Bild.
Wissenschaftler der Kellogg School of Management fanden heraus, dass die Möglichkeit, am Arbeitsplatz man selbst zu bleiben, häufig mit einem höheren Wohlbefinden der Mitarbeiter, besseren Beziehungen zu Kollegen und einer stärkeren Bindung an das Unternehmen verbunden ist. Besonders wichtig ist dieser Faktor für Angehörige von Minderheiten und Menschen, die wegen ihrer Identität unter Druck geraten können.
Andererseits räumen Fachleute für Organisationspsychologie ein, dass absolute Authentizität ebenfalls Probleme schaffen kann. Wenn ein Mensch auf Stress mit Wutausbrüchen, Konflikten oder emotionalen E-Mails reagiert, spiegelt dieses Verhalten zwar seine echten Gefühle wider, hilft aber kaum der Karriere oder dem Team.
Ein neuer Streit in der Welt des Managements
Die Debatte um Poumpouras’ Worte spiegelt einen breiteren Streit darüber wider, wie ein moderner Mitarbeiter sein sollte. Nach der Pandemie begannen viele Unternehmen aktiv, die Idee psychologischer Sicherheit, Offenheit und des Rechts, am Arbeitsplatz man selbst zu sein, zu fördern. Gleichzeitig wächst jedoch die Zahl der Experten, die warnen: Eine übermäßige Konzentration auf persönliche Gefühle kann Disziplin untergraben und die Effizienz von Teams senken.
Vielleicht liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte. Der moderne Arbeitsmarkt verlangt immer weniger den Verzicht auf die eigene Persönlichkeit als vielmehr die Fähigkeit, mit ihr umzugehen – die Individualität zu bewahren, ohne Emotionen und persönliche Ansichten die Erreichung gemeinsamer Ziele behindern zu lassen.
Genau dieses Gleichgewicht zwischen Aufrichtigkeit und Professionalität wird heute zu einem der meistdiskutierten Themen im Personalmanagement.
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